Oh nein, nicht noch ein Fanzine!
Doch!


Was waren das doch für Zeiten als wir alle noch auf dem Land wohnten. Damals sind wir am Samstagabend ins Jugendzentrum ins Nachbardorf gefahren um uns die Punkband des großen Bruders eines Freundes anzuschauen und anzuhören. Zuhause hörten wir Nirvana, Green Day, The Offspring, Red Hot Chili Peppers und manchmal auch Die Ärzte. Wir tranken Bier und wussten, wer „gut“ und wer „böse“ ist auf dieser Welt; und dann gab es dort manchmal ein kleines schwarz-weiß kopiertes Magazin mit Platten- und Konzertrezensionen und hin und wieder mit politischen Artikeln zu kaufen. Das war damals verdammt cool und auf jeden Fall eine Mark wert. Wir haben uns verändert. Wir gehen nun nicht mehr zur Schule, sind erwachsen geworden. Wir wohnen nun in den großen Städten dieses Landes. Wir sind keine Punks mehr, sind vielleicht nie richtig welche gewesen. Wir waren vielleicht noch nicht einmal geboren als Punk schon wieder tot war. Punk ist tot und dennoch: das Fanzine lebt! Retro ist hip, also müssen wir ein Fanzine herausbringen um dabei zu sein. Internet ist auch cool, aber ein gedrucktes Heft in der Hand zu halten ist unschlagbar. Wir hören aber auch schon lange nicht mehr die Musik von damals. Green Day und Red Hot Chili Peppers halten wir schon seit langem für zu mainstreamig. Wir hören Indie. Doch was ist das eigentlich? Mit dem alten DIY-Ideal und der Unabhängigkeit gegenüber Major-Labels hat der Begriff schon lange nicht mehr viel zu tun. Auch die taz versucht dem Begriff auf den Grund zu gehen. Sie stellt fest „‚Indie‘ kommt von ‚independent‘ und bedeutet, immer irgendwie ‚auf der richtigen Seite‘ zu stehen, eben unabhängig zu sein, wovon auch immer.“ und später: „‚Indie‘ zu sein bedeutet, sich in einem immer weiter wuchernden Geflecht spezieller Zeichen und Codes bestens zurechtzufinden. Paradoxerweise hat der Begriff als konkrete Chiffre für ein vages Lebensgefühl in den vergangenen Jahren eine Karriere hingelegt, die nur noch mit der des Pop zu vergleichen und längst, ebenso wie der Pop, in den Mainstream gemündet und damit in den Kosmos modischer Zeichen transzendiert ist. Übrig bleibt als armseliger Rest die schicke Lüge, genau das zu sein, was heute in Wahrheit absolut niemand mehr sein kann: unabhängig.“ (taz, 22.01.2007) Indie ist also nichts anderes als Pop. Den vergangenen Diskursen zur Popkultur widmet die neue Spexredaktion gerade zwei Seiten ihrer ersten Ausgabe um den Begriff Pop vor der völligen Beliebigkeit und Bedeutungslosigkeit zu retten. Eine klare neue Positionierung fehlt ihr zwar noch, sie liefert jedoch zumindest die Erkenntnis, dass die Kategorien „gut“ und „böse“ linker Kulturwissenschaftler der 90er Jahre mal wieder hinterfragt werden müssen. Eine von der Spex konstatierte neue Unübersichtlichkeit darf jedoch nicht dazu führen die Existenz und Wichtigkeit der politischen Kategorien „gut“ und „böse“ völlig zu verneinen. Es gibt ein „gut“ und ein „böse“ auch wenn die Grenzen nicht mehr an den Frontlinien der vergangenen Jahrzehnte verlaufen. Trotz der Notwenigkeit einer eindeutigen Positionierung im politischen Kampf um Emanzipation, geht es für uns in Bezug auf die Begriffe Pop und Indie erstmal um eins: um Spaß. Die -the last unicorn- corporation, ein DJ-Team aus Kassel, schreibt dazu auf ihrer StudiVZ(!)-Gruppenseite: „wir sind genervt davon, dass der begriff indie mehr und mehr mit ‚sich gut verstehen‘, ‚melancholische gefühle haben‘ und ‚dem rückzug ins private‘ verwechselt wird. ‚wir wollen zu den neuesten indietronic-hits von zb. css tanzen und uns trotzdem darüber im klaren sein, dass die soziale revolution nicht in geringsten so harmonisch verlaufen wird“, (dj schmendrick). differenz ist das stichwort. wenn alter ego, blumfeld und die beatles auf deiner party sind, kannst du nicht auch noch landungsbrückendeutschlandwellenreiter einladen.‘ (dj haggard).“ Vor ein paar Tagen demonstrierten wir durch die Straßen von Berlin mit einem klaren politischen Ziel. Anders als sonst auf solchen Veranstaltungen üblich kamen aus den Lautsprechern Pop/Indie-Songs von Client, Bright Eyes, The Chemical Brothers und vor allem von Britney Spears, die auch auf den zur Demo aufrufenden Plakaten in ganz Berlin zu sehen war. Was aus der Perspektive der Kulturwissenschaft der 90er Jahre eindeutig wie ein Widerspruch aussieht, ist vielmehr ein Resultat der Erkenntnis, dass es „unabhängig“ und „außen“ in unserer kapitalistisch Waren produzierenden Gesellschaft auf der gesamten Welt längst nicht mehr gibt und das wichtigste Ziel ja vor allem zu sein hat: Spaß für alle und zwar umsonst.
In diesem Sinn also hier mit diesem Fanzine ein Stück Spaß für umsonst, ohne jeglichen revolutionären Anspruch, aber vor allem mit Berichten über Platten oder Konzerte, die uns mehr oder weniger Spaß gemacht haben – alles in allem also einfach Pop.

Robert für drink Entire
against the madness of Krauts.

Sollte ich mit dem Begriff „wir“ in Zeiten von Mia und Paul van Dyk und Peter Heppner nicht besser vorsichtiger umgehen? Und wer sind eigentlich „wir“? Und sollte „wir“ in diesem Vorwort nicht an den meisten Stellen nicht besser „ich“ heißen?

plants